
Engländer nicht bei der EM - Bild: TMW
Der Schriftsteller Thomas Brussig
veröffentlichte bereits zwei Bücher zum Thema Fußball.
Im Interview äussert er sich über Fußball,
Gesellschaft und Literatur - und lobt die Schiedsrichter, denen es
wurscht sein muss, was andere über sie denken.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr
Brussig, jetzt rollt der Ball bei der Fußball-EM. Wie stehen
die Chancen für ein neues Sommermärchen?
THOMAS BRUSSIG: Ein Sommermärchen
dieser Art wird es nicht noch einmal geben, die Jahre der Schmach
sind ja vorbei. Wenn wir dieser Mannschaft alles zutrauen, kann sie
uns ja nicht mehr in Staunen versetzen. Aber jetzt reden viele schon
wieder vom Titel. Ich hoffe auf einen glanzvollen Fußball der
deutschen Mannschaft, und wenn sie es nebenbei weit bringen, habe ich
nichts dagegen.
Legendär die Schmach von Cordoba
1978, das 2:3 gegen Österreich. Die Deutschen hatten den Gegner
unterschätzt. Können wir uns darauf verlassen, dass das
beim erneuten Duell am 16. Juni nicht passiert?
BRUSSIG: Der Satz „Es gibt keine
leichten Gegner mehr" ist schon zur Phrase verkommen. Österreich
ist vielleicht der leichteste Gegner in der Gruppe, aber das heißt
nicht, dass Österreich unterschätzt wird. Ich finde
grundsätzlich gut, dass die Jahre der großen Lippe vorbei
sind. So etwas wie Demut ist zurückgekehrt bei deutschen
Spielern, Verantwortlichen und Journalisten.
Die DDR hatte wenig Grund zur
Überheblichkeit im Fußball, ihre Nationalmannschaft war
weniger erfolgreich. War das so, weil der Fußball aus einem
geschlossenen System kam?
BRUSSIG: Moment, das eine Mal, als es
drauf ankam, 1974 gegen die Bundesrepublik, haben sie ja gewonnen.
Aber ernsthaft: Vielleicht hat die Erfolglosigkeit damit zu tun, dass
Fußball von den Genies lebt. Für das Undisziplinierte und
Unberechenbare war in der DDR wenig Platz. Aber, wer weiß,
vielleicht war die Erfolglosigkeit auch kalkuliert? Die DDR ist in
der Qualifikation zur WM 78 gegen Österreich ausgeschieden,
unter Auslassung unglaublichster Chancen. So gesehen wäre die
Schmach von Cordoba ohne Vorarbeit der DDR undenkbar gewesen. Die
Österreicher haben sich übrigens mehrfach gegen die DDR in
der Quali durchgesetzt, und sie vermissen die DDR heute sehr.
Die Führungsfigur Ballack muss
doch eine späte Genugtuung für Menschen aus der DDR sein.
BRUSSIG: Viele Ostdeutsche sehen mit
einem gewissen Stolz auf Spieler mit ostdeutschen Wurzeln, Ballack
und Schneider vor allem. Einen Ost-West-Konflikt hat es in der
deutschen Mannschaft glücklicherweise nie gegeben, die
ostdeutschen Spieler wurden mit offenen Armen empfangen, wenn sie die
Leistung brachten. Da war der Fußball schneller als die
Gesellschaft.
Als Schriftsteller interessierte Sie
zuletzt die Rolle des Unparteiischen im Fußball. Was hat Sie zu
Ihrer Litanei „Schiedsrichter Fertig“ veranlasst?
BRUSSIG: Es wurde höchste Zeit,
dass ein Schiedsrichter mal ein literarischer Held wird.
Schiedsrichter müssen, wenn sie es nur weit bringen wollen, eine
Persönlichkeitsstruktur haben, die heute eigentlich verpönt
ist. Im Schiedsrichter überlebt gewissermaßen der
Gymnasiallehrer des 19. Jahrhunderts. Ein Schiedsrichter bedient
keinen Konsens, eckt an, trifft willkürliche Entscheidungen, ist
beratungsresistent und lässt sich nicht mal durch Lob
korrumpieren. Und in einer Welt, in der jeder beliebt sein will, muss
es ihm wurscht sein, was andere über ihn denken.
Ihr Fertig liefert aber gleich den
beliebten Kulturpessimismus: „Fußball ist als Sport tot.“
BRUSSIG: Das Wort Fußballsport
ist aus der Mode gekommen. Man redet vom Fußball-Event, vom
Fußball-Spektakel. Beim Sport wird ein Rahmen gesetzt, in dem
die Ermittlung von besser und schlechter möglich ist. Beim
Fußball aber ist überhaupt nicht gesagt, dass der Bessere
gewinnt. Die höhere Ungerechtigkeit, die dort waltet, macht den
Reiz des Fußballs aus.
Wo sind die Grenzen der
Fußball-Literatur?
BRUSSIG: Es gibt nichts Spannenderes
als ein gutes Fußballspiel, aber es ist vollkommen langweilig,
Spiele nachzuerzählen. Was kann ein Literat nun mit Fußball
anfangen? Der Fußballer Martin Max ist für mich
beispielsweise eine Romanfigur. Ein Stürmer, der immer viele
Tore geschossen hat, auch Bundesliga-Torschützenkönig war,
aber nie Nationalspieler. Das Gefühl, es nicht besser machen zu
können, allen gezeigt zu haben, wie gut man doch ist, und
trotzdem nicht zum Zuge zu kommen, kennen viele Menschen.
Werden Sie beim Fußball zum
Fundamentalisten?
BRUSSIG: Nö. Dass ich mich beim
Fußball im Stadion in einer Art und Weise benehme, wie es
außerhalb des Stadions nicht passiert, ist mir bewusst. Dafür
geht man ja auch ins Stadion. Ich habe Probleme damit, dass man aus
den Fußballzuschauern Kirchenknaben machen will; was unter dem
Vorwand von Sicherheit nicht mit ins Stadion oder zum Public Viewing
genommen werden darf, finde ich lächerlich. Ein Geruch von
Gefahr darf ruhig über dem Fußballspiel liegen. Ich meine
einen Geruch von Gefahr, wie man ihn beim Abheben eines Flugzeugs
erlebt. Ich sehne mich nicht nach Ausschreitungen, aber eine gewisse
Rohheit und etwas Archaisches, Wildes gehört zum Fußball.
Ist selber spielen schöner? Oder
warum haben Sie die Nationalmannschaft der Autoren gegründet?
BRUSSIG: Dafür gibt es einen
einfachen Grund: Wir wurden zu einer Weltmeisterschaft nach Italien
eingeladen. Es hat auch damit zu tun, dass die literarische Welt eine
sehr feminine Welt ist. In der Fußballmannschaft konnten wir
noch einmal ein Jungs-Abenteuer erleben. Gemeinsam schwitzen, um den
Sieg kämpfen, die Kameradschaft - all das kommt im
durchschnittlichen Autorenleben nicht vor.
Was zeichnet die EM für Sie aus -
gegenüber Bundesliga und Champions League?
BRUSSIG: Da wird der bessere Fußball
gespielt. Keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht, weil sich die
Tschechen, Holländer oder Kroaten freuen, dass in der Kabine
ihre Sprache gesprochen wird. Den besten Fußball sieht man
einfach bei den großen Turnieren. Punkt.
Treten Sie auch mit Fan-Trikot und
Fähnchen an?
BRUSSIG: Ich spreche Deutsch und gebe
mich damit zu erkennen. Vielleicht treibt#s mich dann noch aus der
Kurve, wenn ich so einen Stift mit Gesichtsfarbe geschenkt bekomme.
Man kann sich im Laufe eines Turniers ja auch noch steigern.
Ihr Tipp, wer wird Europameister?
BRUSSIG: Schwierig. (Überlegt,
lacht) England?
Ja, jetzt, wo sie nicht dabei sind, mag
sie jeder.
BRUSSIG: Ich hatte mich vor Monaten auf
Frankreich festgelegt. Ich traue es auch den Kroaten zu, den
Deutschen. Die Italiener sind immer Mit-Favorit. Spanien wird hoch
gehandelt. Auch Griechenland wird zeigen, dass sie nicht zufällig
Europameister geworden sind. Aber ich bleibe jetzt bei Frankreich.
Wenn sie die Vorrunde überstehen.
Das Gespräch führte Frank
Sawatzki
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