
Visionäre: "Die Doofen"
Von Ernst Horst
04. Juni 2008 Jugend hat keine Tugend.
Zu dieser Erkenntnis ist der Pädagoge Donald Duck schon im März
1958 gekommen. Damals muss alles angefangen haben. Unsere Eltern
klagten jedenfalls immer so, als ob wir die erste tugendlose
Alterskohorte wären. Inzwischen steht es um die Jugend noch viel
schlimmer. Wer allerdings in dieser Sache nicht ganz auf dem
Laufenden ist, der kann den Stand der Dinge in dem Buch „Generation
Doof" von Stefan Bonner und Anne Weiss nachlesen.
Es ist nicht ganz klar, an wen sich
dieses Buch eigentlich wendet. Für den Leser einer
überregionalen Qualitätszeitung ist die Sprache wohl zu
banal und zu vulgär. Und wirklich komisch auf die unfreiwillige
Art ist das Buch leider auch nicht. Dass die Generation Doof selbst
das Buch mit Befriedigung liest, kann man sich jedenfalls nur schwer
vorstellen. Erstens wird sie hier massiv beleidigt, und zweitens ist
der Text doch recht umfangreich.
Die Doofheit wird immer schlimmer
Wer aber ist überhaupt die
Generation Doof? Das, so erfahren wir, sind all jene, die jünger
sind als dreißig, aber verdient hat diese Bezeichnung natürlich
nur der intellektuell herausgeforderte Teil. Selbstverständlich
gab es schon immer die, die das Pulver erfunden haben, und die
anderen, die es gar nicht erfinden wollen, doch die Autoren sind der
Meinung, dass die Doofheit immer schlimmer wird. Auch das könnte
ja noch ein Naturgesetz sein, so etwas wie der Zweite Hauptsatz der
Thermodynamik, aber Bonner und Weiss schildern die Situation so
dramatisch, als stünde der Untergang des Abendlandes kurz bevor.
Als Ursache der Katastrophe sehen sie einen extremen Realitätsverlust
durch Beschäftigungen wie übermäßiges Fernsehen,
Computerspielen und Mobiltelefonieren.
Natürlich ist das eine plausible
Theorie die zeigt, dass man seinen Kindern Gutes tut, zieht man sie
möglichst fernsehfrei groß. Aber die beiden Autoren
übertreiben derart schamlos, dass letztendlich nur ein wenig
aussagekräftiges Zerrbild entsteht.
„Sachbuch“ oder „Humor“?
Das Buch strebt durchaus eine gewisse
Vollständigkeit an und erreicht diese auch. „Generation Doof“
ist eine Art soziologische Analyse, eine Lebenshilfe mit einer etwas
pessimistischen Grundeinstellung und natürlich der Versuch, zu
unterhalten. Der Verlag verkauft es mit dem Etikett „Sachbuch“
und nicht „Humor“, darüber kann man streiten.
Die Aufteilung in die einzelnen Kapitel
ist plausibel. Am Anfang steht eine allgemeine Beschreibung dessen,
was die Generation Doof ausmacht, dann werden die Themen Bildung,
Beruf, Unterhaltung, Liebe und Erziehung abgehandelt. An der Schule
und an der Universität weigern sich die Angehörigen der
Generation Doof zu lernen, wo die Pyrenäen liegen oder auch nur,
wie man sie buchstabiert. Dabei ist „sich weigern“ schon eine
viel zu aktive Formulierung. Der Lernprozess findet einfach nicht
statt. Im Beruf fehlen dann die soliden Kenntnisse und die
realistische Selbsteinschätzung.
Ständiger Sex oder Dauerkuscheln
Es fehlen Umgangsformen und oft auch
die Bereitschaft, dem Chef das vorzuheucheln, was er sehen und hören
möchte. Die Freizeit verbringt so ein Doofi mit Privatfernsehen
und Egoshooter, mit Mikrowelle und Pizzaservice. Von einem einfachen
Spaziergang an der frischen Luft bekommt er vermutlich Magenkrämpfe.
Die Liebe tritt überhaupt nur in zwei Varianten auf, entweder in
Form von ständigem Sex oder Dauerkuscheln. Und wenn sich die
Doofen endlich doch entschließen, Kinder zu kriegen, dann
schaffen diese Versager die Aufzucht nur, wenn sie die Babys vor der
Glotze parken und ihnen dann später eine Playstation kaufen,
vermuten die Autoren.
Das ist ja alles nicht ganz falsch. Was
fehlt, sind die Zwischentöne. Letzten Endes reden Bonner und
Weiss so reaktionär daher wie unsere Eltern im Jahr 1958. Aber
vielleicht ist das ja auch nur der grobe Keil, der auf den groben
Klotz gehört. Die beiden Autoren haben ein sehr einfaches
Weltbild, sie wissen stets, was gut und was schlecht ist. Vieles,
über das sie sich immer wieder lustig machen, ist nur eine
ästhetische Angelegenheit. Über Tätowierungen nörgeln
sie wie die Spießer von 1964 über Beatlesfrisuren. Lasst
die Mädels doch mit einem Arschgeweih herumlaufen, wenn es ihnen
gefällt! Soll ich meines Bruders (beziehungsweise in diesem Fall
meiner Tochter) Hüter sein?
Wir sind kollektiv schuld
Auch die sechzig Seiten über Liebe
und Sex sind zu dogmatisch geraten. Arbeitslosigkeit ist ein riesiges
Problem. Und wenn jemand nicht lesen und schreiben kann, weil er
lieber fernsieht, und deshalb lebenslang von der Solidargemeinschaft
alimentiert werden muss, dann ist das eine Tragödie. Wenn jemand
eine Freundin sucht, um ein bisschen Spaß mit ihr zu haben, ist
das eine Komödie. Man muss beides nicht unbedingt auf dem
gleichen Niveau abhandeln.
In ihrem vieldiskutierten Buch „The
Nurture Assumption“ („Ist Erziehung sinnlos?“) stellte Judith
Rich Harris 1998 die These auf, dass unsere Kinder weniger durch die
eigenen Eltern als durch die anderen Kinder, mit denen sie zusammen
sind, sozialisiert werden. Aber wie wir es auch drehen und wenden
mögen, letztendlich läuft es doch auf uns Eltern hinaus.
Wir Väter und Mütter sind sozusagen kollektiv an der
Generation Doof schuld. Kein Grund, stolz zu sein, aber immerhin ein
sehr demokratischer Gedanke.
Stefan Bonner, Anne Weiss: „Generation
Doof“. Wie blöd sind wir eigentlich? Verlag Bastei Lübbe,
Bergisch Gladbach 2008. 333 S., Abb., br., 8,95 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
http://www.faz.net