
"Mein Kampf" im türkischen Handel ©AFP
VON FRANK VOLLMER
Düsseldorf (RP). Gift für die
Demokratie - oder einfach nur ein schlechtes Buch? In Deutschland
wird diskutiert, ob Hitlers Bekenntnisschrift neu herausgegeben
werden sollte. Ein Plädoyer für eine wissenschaftliche
Edition.
Es ist ein schlechtes Buch. Und es ist
gefürchtet. Denn es war – und ist – eins der wichtigsten
Symbole des Nationalsozialismus. Adolf Hitlers "Mein Kampf",
vor 83 Jahren erschienen, ist in Deutschland derzeit komplett nur in
unkommentierten NS-Ausgaben zu lesen. Wenn es nach einer Reihe von
Wissenschaftlern und Publizisten geht, wird sich das bald ändern.
Dann könnte Adolf Hitler zurückkommen in die Regale der
Buchhandlungen.
Denn es wird gestritten, ob "Mein
Kampf" neu herausgegeben werden soll. Noch ist das ebenso
unmöglich wie der Nachdruck. Bayerns Finanzministerium, auf das
nach 1945 die Rechte des NSDAP-Parteiverlags übergegangen sind,
verfolgt jeden Versuch rigoros.
Nicht, dass "Mein Kampf"
attraktiver Stoff wäre: Die Propagandaschrift der an vielen
kleinen Verführungen nicht armen Diktatur ist ein geschraubtes
Konvolut von 800 Seiten, vollgestopft mit Vernichtungsphantasien und
hemmungslosem Eigenlob. Zu beschaffen ist es trotz allem einfach: Es
steht tausendfach als ungeliebtes, doch scheu gehütetes Erbstück
in deutschen Wohnzimmern. Auch antiquarischer Verkauf ist erlaubt.
Denn "Mein Kampf" ist nicht verboten. Man darf es besitzen,
man darf es lesen. Man darf es nur nicht abschreiben oder kopieren –
ein eigenartiger Zwischenzustand, der den "Kampf" zu einer
Art publizistischem Zombie macht. "Mein Kampf" scheint
braunes Leichengift zu verströmen.
Entstehung Hitler schrieb an „Mein
Kampf" seit seiner Festungshaft in Landsberg. Dort war er wegen
seines Putschversuchs 1923 inhaftiert. Das Buch erschien in zwei
Teilen 1925 und 1926. Bis 1939 wurden mehr als 2500 meist kleine
Änderungen eingefügt.
Verbreitung 1945 waren in Deutschland
12,5 Millionen Exemplare in Umlauf. Seit 1936 wurde das Buch an
Brautpaare verteilt.
Rechtslage: Da Hitler bis zu seinem Tod
in München gemeldet war, gingen die Rechte an dem Buch nach 1945
an den Freistaat Bayern über.
<>Historiker haben deshalb eine
kommentierte Neuausgabe angeregt. Das Institut für
Zeitgeschichte in München und das Dokumentationszentrum in
Nürnberg machten den Anfang. Der Bielefelder Emeritus
Hans-Ulrich Wehler schloss sich an. Auch Hans-Ulrich Thamer,
Professor für Neueste Geschichte in Münster, ist für
eine Edition. Er finde die Pläne "plausibel", sagte
Thamer: "Die Sorge, dass Neonazis und Apologeten daraus Honig
saugen, halte ich für unbegründet – dafür ist das
Buch zu unattraktiv." Der Zentralrat der Juden ist für eine
kommentierte Neuausgabe, der Publizist und Historiker Rafael
Seligmann fordert gar völlige Freigabe.
Auch wenn prominente Juden für
eine Edition eintreten – der Freistaat Bayern lehnt ab. Begründung:
Respekt vor den Opfern des Holocaust. Außerdem hat sich der
Fachbereichsleiter Printmedien der Bundeszentrale für politische
Bildung gegen die Pläne ausgesprochen. Hans-Georg Golz,
ebenfalls Historiker, zweifelt am Sinn einer Neuedition. Er frage
sich, was man damit erreichen wolle, sagte Golz im Deutschlandfunk.
So ein Argument aus Wissenschaftlermund überrascht. Denn welchen
Nutzen eine Arbeit hat, erweist sich oft erst im Nachhinein. Und wenn
die Wissenschaft wirklich der Wahrheitssuche verpflichtet ist, wie
jeder Studienanfänger lernt, dann ist eine Edition von "Mein
Kampf" geradezu Historikerpflicht. Auch wenn und gerade weil es
kein Buch wie jedes andere ist.
2015 erlöschen die Rechte des
Freistaats Bayern – 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers: In puncto
Urheberrecht soll Adolf Hitler ein Fall wie jeder andere sein.
Spätestens dann ist es möglich, "Mein Kampf"endlich
systematisch aufzuarbeiten. Besser wäre, es geschähe schon
jetzt. Denn so gelingt vielleicht, was Grundvoraussetzung für
historisches Begreifen ist: Adolf Hitler als Kind seiner Zeit zu
sehen, als einen aus der Unzahl völkischer Wirrköpfe, die
die Weimarer Republik mit ihren Phantastereien überschwemmten.
Sebastian Haffner hat schon vor 30
Jahren beklagt, Hitler sei für die Deutschen immer einer
gewesen, der von außen hereingebrochen sei – erst vom Himmel
hoch, später aus den Schlünden der Hölle. Bis heute
hat dieser Satz seine Berechtigung: Hitler bleibt vielen ein
historisches Monster. Der Aufarbeitung des Nationalsozialismus hilft
ein solches Denken freilich nicht – auch ein Hitler hat seine
Wurzeln. Andererseits: Dass ausgerechnet dieser obskure Judenhasser
ein paar Jahre später die Hauptfigur der Weltpolitik und einer
der größten Verbrecher aller Zeiten werden sollte, war
keineswegs zwangsläufig.
Der verquaste Weltentwurf, der "Mein
Kampf" ist, hat die Machtergreifung jedenfalls nicht verursacht.
Er hat sie aber auch nicht verhindert, denn "Mein Kampf" war
und ist ein wenig, zu wenig gelesenes Buch. Was darin stammt direkt
von Hitler, was schnappte er auf und arbeitete es um? Welche
Varianten gibt es? Wie wurde "Mein Kampf" politisch
instrumentalisiert? Alles Punkte, zu denen eine Edition Stellung
nehmen müsste.
Adolf Hitler, unkommentiert in
deutschen Buchhandlungen, sozusagen unter Fachliteratur, Buchstabe H
– das ist in der Tat eine schwer erträgliche Vorstellung. Eine
wissenschaftliche Edition von "Mein Kampf"aber dürfte
uns weiterbringen. Und selbst wenn nicht: Deutschland wird das
aushalten.
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