
Prof. Dr. Karl Lauterbach © Christian Beier
Von Wolfgang Peter Getta
Mit seinem Buch „Der
Zweiklassenstaat" macht Prof. Dr. Karl Lauterbach (45),
Wissenschaftler und SPD-Bundestagsabgeordneter, seit 2007 Furore. Im
VHS-Forum belegte der Gesundheitsökonom von der Uni Köln
gestern Abend bei einer Veranstaltung der Solinger SPD seinen Vorwurf
mit vielen Fakten aus dem Bildungs- und Gesundheitsbereich.
Das herrschende Bildungssystem sei
ungerecht, weil es Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien
benachteilige. Lauterbach: „Die ersten drei Lebensjahre sind
entscheidend dafür, was aus einem Kind wird.“ Im ersten
Lebensjahr eines Kindes würden von seinen 10 Milliarden
Gehirnzellen pro Sekunde zwei Millionen verknüpft.
Verstehen-Wollen sorge für die meisten solcher Verknüpfungen.
Am besten gefördert werde ein Kind, indem man ihm etwas erkläre.
Eben solche Förderung werde Kindern („Sie können sich
ihre Eltern nicht aussuchen!“) aus den genannten Familien zumeist
nicht zuteil. Daraus folge die Forderung nach „flächendeckender
Einrichtung hochkarätiger Kindertagesstätten für die
ersten Lebensjahre“. Lauterbach: „Die SPD muss sich für die
kostenfreie Frühförderung einsetzen!“
Nur jeder Fünfte eines Jahrgangs
studiere, ein weiterer Fünfter bleibe ohne Schulabschluss. Damit
könne Deutschland international nicht konkurrieren. Die
bundesdeutsche Bildungspolitik sei - wegen der Zuständigkeit
der Länder – die „Geschichte eines grotesken Versagens“.
Abhilfe verspricht sich der Kritiker von einer Gemeinschaftsschule,
die dem Ein-zelnen eine individuelle Förderung ermögliche,
die selbst ein Gymnasium nicht biete.
Unterschiede in der Behandlung würden
immer messbarer
Den Kardinalfehler der deutschen
Gesundheitspolitik sieht Lauterbach darin, dass es nebeneinander eine
gesetzliche und eine private Krankenversicherung gibt. Zweifellos
werde jeder Kranke behandelt – die Frage sei aber wie. Wer einen
Spezialisten benötige, höre sofort die Frage: „Sind Sie
privat versichert?“ Die Unterschiede in der Behandlung würden
immer messbarer.
„Wir haben eine ausgeprägte
Zweiklassenmedizin!“ kritisierte der Experte, der auch in Harvard
(USA) studierte. Unser System sei ungerecht und auch schlecht für
die Ärzte: Einige arbeiteten fast Tag und Nacht für
Kassenpatienten und karge Honorare. Andere, die sich auf Leistungen
der Hochtechnologie für Privatpatienten spezialisiert hätten,
verdienten prächtig. Lauterbach ist daher für die
Umverteilung von Ärzte-Honoraren. Seine Genossen aus der SPD
forderte er auf, für ein besseres Bildungs- und
Gesundheitssystem „auf die Matte zu gehen“.
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