
Plakat gegen Kinderarmut - Foto: DDP
Bedeutet mehr Bildung weniger Armut?
Nein, sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge, denn auch eine
gute Schul- oder Berufsausbildung bedeutet nicht, dass alle
Jugendlichen einen Arbeitsplatz bekommen - so wie es die Politik
vorgaukelt.
Es gibt viele Mittel, gegen Armut
vorzugehen. Da sind die Forderungen nach einem gesetzlichen
Mindestlohn, der Lohndumping und Hungerlöhne verhindern soll. Es
gibt das Rezept der Steuererleichterungen, die vielleicht den
Mittelstand, aber nicht die wirklich Armen entlasten würden.
Immer häufiger werden mehr Bildungsanstrengungen verlangt - von
den Betroffenen wie vom Staat. Mehr Bildung also als Maßnahme
zur Armutsbekämpfung.
Tatsächlich führt Armut zu
vielfältigen Benachteiligungen und Belastungen, etwa im
Gesundheits-, Wohn-, Bildungs-, Kultur- oder Freizeitbereich. So
mancher Kommentator neigt dazu, Armut auf die Bildungsferne oder auf
die Sozialisations- beziehungsweise Kulturdefizite der Betroffenen
zurückzuführen. Solche Argumente haben es materiell besser
gestellten Schichten immer schon erleichtert, die Armen nach dem
Motto "Geld macht ohnehin nicht glücklich!" nicht zu
trösten, sondern regelrecht zu verhöhnen.
Man spricht von "Bildungsarmut"
und tut so, als könne eine gute Schulbildung oder
Berufsausbildung verhindern, dass Jugendliche ohne Arbeitsplatz
bleiben.
Tatsächlich verhindern
Bildungsdefizite vielfach, dass junge Menschen auf dem überforderten
Arbeitsmarkt sofort Fuß fassen. Auch führt die Armut von
Familien häufig dazu, dass deren Kinder keine weiterführende
Schule besuchen oder sie ohne Abschlusszeugnis wieder verlassen.
Armut in der Familie führt bereits in der Sekundarstufe häufig
zu Bildungsdefiziten der betroffenen Kinder.
Der umgekehrte Effekt ist sehr viel
weniger signifikant: Ein schlechter oder fehlender Schulabschluss
verringert zwar die Erwerbschancen, wirkt sich aber weniger
nachteilig auf den Wohlstand einer Person aus, wenn diese vermögend
ist oder Kapital besitzt.
Mehr Bildung, weniger Armutsrisiko -
was unter günstigen Umständen ohne Zweifel zum
individuellen beruflichen Aufstieg taugt, versagt als
gesellschaftliches Patentrezept. Denn wenn alle Kinder, was durchaus
wünschenswert wäre, mehr Bildungsmöglichkeiten
bekämen, würden sie um die wenigen Ausbildungs- und
Arbeitsplätze womöglich nur auf einem höheren Niveau,
aber nicht mit besseren Chancen konkurrieren. Folglich gäbe es
am Ende mehr Taxifahrer mit Abitur und abgeschlossenem
Hochschulstudium, aber kaum weniger Armut.
Eine bessere (Aus-)Bildung erhöht
die Konkurrenzfähigkeit eines Heranwachsenden auf dem
Arbeitsmarkt, ohne jedoch die Erwerbslosigkeit und die (Kinder-)Armut
als gesellschaftliche Phänomene zu beseitigen.
So wichtig mehr Bildungs- und
Kulturangebote für Kinder aus sozial benachteiligten
"Problemfamilien" sind, so wenig können sie das
Armutsproblem lösen. Zwar werden die Armen häufig dumm
(gemacht), die Klugen aber deshalb nicht automatisch reich. Zu den
Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit so wenig verdienen, dass
sie sich und ihre Familie kaum ernähren können, gehören
keineswegs nur schlecht Ausgebildete. Eine fehlende, schlechte oder
falsche Schulbildung kann die Armut potenzieren und im Lebensverlauf
zementieren. Sie ist jedoch nicht die Ursache materieller Not.
Bildung ist deshalb ein nur begrenzt taugliches Mittel gegen die
(Kinder-)Armut, weil sie zwar durch soziale Diskriminierung
entstandene Partizipationsdefizite junger Menschen mildert,
allerdings nicht verhindern kann, dass jemand materiell arm bleibt.
Ohne Frage, Bildungs-, Erziehungs- und
Kultureinrichtungen sind für eine gedeihliche Entwicklung und
freie Entfaltung der Persönlichkeit sozial benachteiligter
Kinder unentbehrlich, weshalb sie nicht - dem neoliberalen Zeitgeist
entsprechend - privatisiert, sondern weiterhin öffentlich
finanziert und noch ausgebaut werden sollten. Bildung ist jedoch
keine Wunderwaffe im Kampf gegen die Kinderarmut, zumal sie immer
mehr zur Ware wird. Studiengebühren, Transportkosten und Schul-
oder Büchergeld schrecken gerade die Kinder aus sozial
benachteiligten Familien vom Besuch einer weiterführenden Schule
beziehungsweise einer Universität ab.
"Aufstieg durch Bildung"
lautet das Motto einer Anfang des Jahres von der Bundesregierung
beschlossenen Nationalen Qualifizierungsinitiative, welche unter
anderem die soziale Benachteiligung von arbeitslosen
(Migranten-)Jugendlichen kompensieren will. Zwar kann ein Individuum
durch die Beteiligung an Ausbildungsprozessen einer prekären
Lebenslage entkommen, eine gesamtgesellschaftliche Lösung bieten
sie allein freilich nicht. Wie gesagt: Wenn alle Kinder und
Jugendlichen in Deutschland - was zweifelsohne sinnvoll ist - bessere
Bildungsmöglichkeiten erhielten, konkurrierten sie am Ende
womöglich auf einem höheren Bildungsniveau, aber nicht mit
besseren Chancen um weiterhin fehlende Lehrstellen und Arbeitsplätze.
Es ist nicht nur politisch unredlich,
sondern auch purer Zynismus, den Armen "Bildet euch!"
zuzurufen und Erwachsenen wie Kindern beim Hartz-IV-Regelsatz keinen
einzigen Cent für Bildung zu gewähren.
www.spiegel.de